Worms

Jamies Erbe ist das Tee-Projekt „JaNi“ - Achtjähriger starb an Leukämie

Worms.Wenn er von Jamie erzählt, dann wird Klaus Neiß leise und schaut auf Jamies Bild. „Bei mir ist jede Nacht der 19. Mai“, sagt er. Der 19. Mai 2019 ist der Todestag seines Sohnes. Dreieinhalb Jahre kämpfte das Kind wie ein Löwe gegen die Leukämie. Am Ende versagte dem achtjährigen Jungen das Herz - einen Tag vor der Stammzelltransplantation. Ein Spender war in England gefunden worden und die Stammzellen standen bereit.

Aber auch wenn das Tal tief ist, durch das Peggy und Klaus Neiß immer wieder aufs Neue gehen: Aufgeben war nie ihre Sache. Und ist es auch jetzt nicht. „Wir müssen ja funktionieren, schon alleine für Nico“, sagt Peggy Neiß. Auch Jamies älterer Bruder habe alle Liebe der Welt verdient. Aber die Familie macht ebenso weiter, um mit ihrem Wissen im Umgang mit dem Krebs anderen Menschen zu helfen. „Wir haben drei Jahre intensive Erfahrung mit der Krankheit. Wir konnten Jamie nicht retten, aber vielleicht können wir jemand anderen retten“, sagt Peggy.

Jeder der beiden hat dabei einen anderen Ansatz. Klaus Neiß möchte Menschen mit Krebs unterstützen, berät sie bei Fragen ganz praktischer Art. Er betont aber mit aller Deutlichkeit: „Ich bin kein Arzt, ich treffe keinerlei Heilaussagen.“ Das gibt er seinen Gesprächspartnern auch schriftlich. Krebs lasse sich nicht ohne Medizin behandeln und besiegen. Aber Krebs sei auch Kopfsache. Und da setzt seine Hilfe an.

Klaus Neiß teilt seine Erfahrungen, die er mit seinem Sohn gemacht hat. Ihm geht es darum, die Begleiterscheinungen der Behandlung abzufedern. Um dieses Wissen weiter zu festigen, lässt sich der Wormser aktuell zum Ernährungsberater in Sachen Krebs ausbilden. Aktuell schreibt er seine Abschlussarbeit an der Akademie für Sport- und Ernährungsmanagement. Nur eine der vielen Fragestellungen: „Erstellen Sie einen Tagesplan mit zirka 2800 Kilokalorien für einen Krebskranken, der an Kau- und Schluckbeschwerden sowie an einer Entzündung des Mund- und Speiseröhrenbereichs leidet.“ Diese Antworten kennt Klaus Neiß nur zu gut aus der Leidensgeschichte der Familie.

Geld will er für die Beratungsgespräche nicht. „Das hätte Jamie nicht gewollt“, sagt er. Er wolle nicht ausnutzen, dass verzweifelte Menschen nach jedem Strohhalm greifen - und dafür von Scharlatanen ausgenommen würden.

Jamie hatte für die Familie eine andere Idee und packte auch von der Klinik aus kräftig mit an, um daraus etwas ganz Besonderes zu machen. Das es einmal Jamies Erbe werden würde, daran hatte keiner gedacht. Jamie verlor durch die intensiven Chemobehandlungen immer wieder seinen Geschmackssinn. Aber eines ging immer: Tee. Also kaufte die Familie gefühlt tonnenweise Tees in allen erdenklichen Geschmacksrichtungen. Als Jamie eines Tages wieder einen Tee trank, begründete er mit einem einzigen Satz das Familienprojekt: „Papa, schade das wir nicht unseren eigenen Tee haben!“ Daraus wurde „JaNi“, benannt nach den Anfangsbuchstaben der Namen beider Kinder. Noch in der Klinik begann die Familie, mit den Söhnen Etiketten zu entwerfen, sich Hilfe in der Tee-Hochburg Hamburg zu suchen. Nachts wurde am Online Shop gewerkelt. Natürlich war dies für Jamie Motivationsschub, eine Aufgabe, die Ablenkung vom Krebs.

Auf Heilkräuter spezialisiert

Nach Jamies Tod pflegt die Familie nun sein Erbe: JaNi. Dazu hat Peggy eigens eine Ausbildung zur Kräuterpädagogin absolviert. Was sie schon im täglichen Umgang mit ihrem Kind in der Klinik gelernt hat, hat sie nun ebenfalls auf professionelle Füße gestellt und sich auf Heilkräuter spezialisiert.

Wer bei der Familie einkauft, findet nicht nur selbstgemischten Tee von Jamie und Nico, sondern auch Hilfe bei Beschwerden. Peggy Neiß sagt selbst, sie habe den Zugang zur Klostermedizin in den drei Jahren Klinikaufenthalten gewonnen. Durch die Ausbildung konnte sie der Natur näher kommen. Auch wenn ihr beim Erzählen Tränen in die Augen schießen und es deutlich wird, dass es manchmal eine Flucht vor dem Schmerz, der Trauer war. So kann sie diese jetzt in etwas Positives für andere Menschen verwandeln.

Mittlerweile hat Nico, der später JaNi für seinen Bruder weiter führen will, mehr als 100 Teesorten im Sortiment, mit biologisch zertifizierten Zutaten, für jeden Geschmack von klassisch bis exotisch. Viele Tees haben einen gesundheitlichen Hintergrund. Es gibt auch personalisierten Tee mit individuell gestaltetem Etikett für jeden Anlass. Alles in dem Tee-Shop ist Handarbeit.

Dazu gibt es eine umfassende Beratung der „Kräuterfee“ Peggy Neiß. Auch die ist kostenlos, allerdings bittet die Familie dann schon zum Einkauf bei „JaNi“. Die Ideen für „JaNi“ stammen - zum Teil - aus dem „Buch der Wünsche“. Darin hat Papa Klaus Neiß die Gedanken seines kranken, aber überaus ideenreichen Kindes gesammelt. „Er wusste wohl, dass er nur acht Jahre Zeit hatte. Deshalb war er unglaublich kreativ“, sagt der Vater. Wenn er sich stark genug fühlt, wirft Klaus einen Blick in das Buch. Und die Familie Neiß weiß: Jamie sieht, was sie da umsetzen in seinem Namen.

Infos: www.jani-online.de

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