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Nachruf: Zum Tod der Mannheimer Gitarren-Ikone Hans Reffert / Fünf Jahrzehnte lang hat er die Musik-Szene der Region geprägt

Meister aller Stil-Klassen

Archiv-Artikel vom Dienstag, den 23.02.2016

Von unserem Redaktionsmitglied Georg Spindler

Gefühlsmäßig immer im roten Bereich: Hans Reffert.

© Rinderspacher

Die Musikstadt Mannheim ist um eine ihrer kreativsten Persönlichkeiten ärmer geworden: Der Gitarrist Hans Reffert, gestern im Alter von 69 Jahren gestorben, hat die regionale Szene seit den 60er-Jahren mit immer wieder aufflammenden kreativen Impulsen befeuert.

Dass gerade ihm die große internationale Karriere verwehrt blieb, gehört zu den Ungerechtigkeiten des Musik-Business. Auf dem Griffbrett war Reffert, der sich auch als bildender Künstler einen Namen gemacht hat, eine Ausnahmeerscheinung. Der Mannheimer verfügte über ein enzyklopädisches Wissen um sämtliche Stile der Popmusik. Vom klirrenden 50er-Jahre-Rockabilly über das sirrende Slide-Spiel des Delta-Blues bis hin zu den psychedelischen Übersteuerungseffekten eines Jimi Hendrix und der explosiven Sound-Pyrotechnik von Neutönern wie Adrian Belew hat Reffert alles beherrscht, was auf der E-Gitarre machbar ist.

Wäre er in London oder New York geboren worden, würde der Mannheimer wohl als einer der wichtigen Rock-Avantgardisten gelten. Schon in den 80er-Jahren ließ er mit damals (wie heute) unerhört innovativen Stil-Collagen aufhorchen. Mit seiner Formation Zauberfinger, als Mitglied der Gruppe Guru Guru und schließlich im Bandkollektiv Sanfte Liebe (mit Sängerin Barbara Lahr, Bassist Uli Krug und Drummer Erwin Ditzner) fusionierte Reffert Zitate und Versatzstücke aus allen Zeiten und Genres populärer Musik zu kühnen Klangkombinationen. Erdige Rock-Riffs trafen auf komplexe Polyrhythmen, archaische Blues-Deklamationen vereinten sich mit abstrakten Geräusch-Sequenzen, eingängige Pop-Melodien wurden mit schrägen Jazz-Harmonien kombiniert oder im Reißwolf furioser Punk-Attacken zerschreddert.

Hans Reffert (1946-2016)

Der 1946 in Ludwigshafen geborene Gitarrist und bildende Künstler war schon mit 16 Jahren Profimusiker. Mitte der 1960er Jahre begleitete er als Gitarrist der Band Adventures den US-Soulstar Percy Sledge.

An der Musikhochschule Mannheim-Heidelberg studierte er ab 1970 Flöte und Piano. Bei Paul Berger-Bergner besuchte er die Kunstschule. 1983 war Reffert Gaststudent an der Comic School New Jersey (USA).

1972 spielte er im Duo Flute And Voice beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. Von 1979 bis 1984 war er mit der Rockband Zauberfinger unterwegs, 1984 bis 1988 spielte er bei Guru Guru. Mit Sanfte Liebe (1987 bis 1992) gewann er 1989 den Bundesrockpreis, arbeitete mit Starfotograf Jim Rakete und Produzent Edo Zanki zusammen.

Seit 1991 war er mit Adax Dörsam im Duo Schrammel & Slide erfolgreich. Anerkennung fand er auch seit seinem Wiedereinstieg 2005 bei Guru Guru. Mit der Band ewo des Mannheimer Politsängers Bernd Köhler gewann Reffert 2009 und 2013 den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Insgesamt hat Hans Reffert auf mehr als 40 Alben mitgewirkt.

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Postmoderne Pop-Collagen

Reffert war ein Pionier postmoderner Popmusik. Es gehört zu den Unglücksfällen seiner Laufbahn, dass es von den Ensembles aus den 80ern kaum adäquate Tondokumente gibt. Mal zerbrach eine Band zwei Tage vor den Plattenaufnahmen, dann wieder meinten Produzenten, die anspruchsvollen Stilexperimente glätten zu müssen. Erst im fortgeschrittenen Alter, als Reffert ab 2005 wieder bei Mani Neumeiers Krautrock-Truppe Guru Guru einstieg, durch die aberwitzig vielseitigen "Schrammel & Slide"-Alben mit seinem Gitarren-Kollegen Adax Dörsam und mit der Formation ewo des Liedermachers Bernd Köhler stellte sich größere Anerkennung ein.

Hans Reffert, der 1959 bei dem Ludwigshafener Gitarrenvirtuosen Sigi Schwab Unterricht nahm und schon als 14-Jähriger seine ersten Rundfunkaufnahmen mit dem Mannheimer Jazzpianisten Wolfgang Lauth einspielte, hat sein Handwerk auf die harte Tour erlernt. Mitte der der 60er-Jahre spielte er in der Mannheimer Beat-Band Adventures und begab sich auf die Ochsentour durch die US-Clubs der Bundesrepublik. "Wir wurden jeweils für einen Monat gebucht und spielten jede Nacht von acht Uhr abends bis fünf Uhr früh - ohne Ruhetag. Das war wie im Bergwerk", resümierte der Gitarrist 1993 in einem Interview mit dieser Zeitung seine Anfangsjahre, die an die Hamburger Zeit der Beatles erinnern.

Die Beschwerlichkeiten wurden aber auch belohnt: 1966 gingen die Adventures (zu denen der Heidelberger Saxofonist Fritz Neidlinger gehörte) mit keinen Geringeren als den US-Soulstars Percy Sledge ("When A Man Loves A Woman") und Rufus Thomas ("Walking The Dog") auf Deutschland-Tour. Danach absolvierte Reffert ("um meine Eltern zu beruhigen") ein Studium an der Musikhochschule Mannheim-Heidelberg (wie sie seinerzeit noch hieß). Daneben jobbte er als Studiomusiker für Peter Alexander, Freddy Quinn und die Flippers.

Mit dem Sänger und Gitarristen Hans Brandeis gründete Reffert 1972 das Psychedelik-Folk-Duo Flute And Voice. Es nahm vier LPs auf und wurde zum renommierten Deutschen Jazzfestival Frankfurt eingeladen. Als 1977/78 die Punk-Revolte tobte, stimmte der Gitarrist mit seiner Gruppe Zauberfinger in lustvoll verfremdeten Cover-Versionen und schroffen Stil-Montagen den Abgesang auf 20 Jahre Rockmusik an.

Die musikalische Karriere überschattete Refferts künstlerische Arbeit. Dabei artikulierte sich in seinen surrealen Zeichnungen und mit expressivem Gestus inszenierten Musikerporträts der gleiche Freigeist, der ihn als Gitarristen auszeichnete.

Expressivität als Ziel

Einer seiner Helden war der Bluesmann John Lee Hooker. Für dessen simple, urtümliche Boogie-Riffs schwärmte Reffert schon, als er ihn als Teenager im Radiosender AFN hörte: "Von da an war ich nicht mehr fähig, normal zu leben. Ich wollte auch solche Töne erzeugen", sagte er. Seelenloser Virtuosität erteilte er eine Absage: "Ich mag Leute nicht, die Schreibmaschine auf der Gitarre spielen." Auf der CD "Stone Cold & Broken" (2012) mit dem Gitarristen Werner Goos hat Reffert, der erst mit 60 seine Qualitäten als Sänger entdeckte, sein Ideal hochexpressiver Musik realisiert. Mit gegerbter Stimme singt er von gebrochenen Herzen, erkalteter Liebe, seelischen Abgründen. Seine knorrig-raue Blues-Expressivität kontrastiert dabei reizvoll mit Goos' hochkultivierter Jazz-Ästhetik. Diese Musik wird Hans Refferts Tod überdauern.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 23.02.2016
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