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Theodor-Heuss-Preis: Nur ein verbaler Tabubruch oder pädophiler Missbrauch? Am Grünen-Politiker scheiden sich die Geister

Cohn-Bendits „Verirrungen“

Von unserem Korrespondenten Michael Schwarz

An der Verleihung des renommierten Theodor-Heuss-Preises an Daniel Cohn-Bendit hat sich eine politische Schlammschlacht entzündet. Die Stiftung erwartet, dass der Politiker heute Stellung zu den Vorwürfen nehmen wird.

© dpa

Stuttgart. Dass die Verleihung des Theodor-Heuss-Preises auf ein so großes öffentliches Interesse stößt, daran müssen sich selbst die Mitarbeiter der Stiftung, die nach dem ersten deutschen Bundespräsidenten benannt ist, noch gewöhnen. Doch wenn heute der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart für seine Verdienste an der Demokratie geehrt wird, ist die feierliche Stimmung zumindest etwas getrübt. Denn seitdem die Debatte über die Äußerungen des 68-Jährigen zu Intimitäten mit Kindern im Raum stehen, hagelt es Kritik an der Entscheidung von Kuratorium und Vorstand der Stiftung.

"Der große Basar"

Stein des Anstoßes ist das Buch "Der große Basar" aus dem Jahr 1975. Hier schildert Cohn-Bendit seine Erlebnisse als Erzieher in einem Frankfurter Kindergarten. Die Auszüge lesen sich so, als habe der Autor sexuellen Kontakt zu den Zwei- bis Fünfjährigen gehabt. Cohn-Bendit schreibt zum Beispiel auf Seite 143: "Es ist mir mehrmals passiert, dass einige Kinder meinen Hosenschlitz geöffnet und angefangen haben, mich zu streicheln." Der EU-Politiker erklärte auch im Vorfeld der Preisverleihung, er habe nur provozieren wollen, man müsse solche Äußerungen im Kontext der Zeitgeschichte bewerten.

Doch wie sind die Aussagen tatsächlich einzuordnen? Der emeritierte Tübinger Erziehungswissenschaftler Ulrich Herrmann bewertet die Gedanken als "Verirrungen in der Zeit der sexuellen Revolution", die von einigen "linken Grüppchen" kommuniziert wurden. Bei Cohn-Bendit seien dies nur Worte gewesen. "Von pädophilem Missbrauch ist er doch kilometerweit entfernt", so Herrmann. Trotzdem seien die Äußerungen, die mit dem Hintergrund der "sexuellen Libertinage" getroffen worden seien, eine "Eselei" gewesen.

Doch CDU und FDP wollen Cohn-Bendit nicht so einfach von jeglicher Schuld freisprechen. Die beiden Parteien sammelten in den vergangenen Wochen weitere Beweise, die gegen das grüne Urgestein verwendet werden können. So wurden beispielsweise auf einer Pressekonferenz Videoausschnitte einer alten Sendung des französischen Fernsehens gezeigt, in denen der inzwischen 68-Jährige als junger Mann Sätze sagt wie: "Die Sexualität eines Kindes ist etwas Fantastisches." Sogar in einer Landtagsdebatte haben Abgeordnete von CDU und FDP die Preisverleihung kürzlich thematisiert. Dabei versuchten sie auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, wie Cohn-Bendit ein Grüner, anzugreifen. Die Opposition forderte den Regierungschef auf, dass er auf sein Grußwort bei der Preisverleihung verzichtet. Doch Kretschmann ließ verlauten, er halte Cohn-Bendit trotz "fataler Äußerungen" für preiswürdig.

Dass aus der Preisverleihung eine politische Schlammschlacht geworden ist, darüber ist Ludwig Theodor Heuss wenig erfreut. Der Enkel des ersten Staatsoberhaupts der Republik ist gleichzeitig der Vorsitzende der traditionsreichen Stiftung. Er lobt die politische Leidenschaft Cohn-Bendits. "Es gibt keine Anklage gegen ihn. Er wird auch nicht strafrechtlich verfolgt", so Heuss, der als Chefarzt im Spital Zollikerberg in der Nähe von Zürich arbeitet, zu unserer Zeitung. Die Stiftung halte auch an Preisträgern fest, wenn es Gegenwind gebe. Was momentan passiere, sei eine "inhaltsfremde Debatte", sagt er. Trotzdem erwartet Heuss von Cohn-Bendit, dass dieser heute zu den schweren Vorwürfen der sexuellen Zuneigung zu Kindern "Stellung bezieht und sich nochmals distanziert". Dass inzwischen Politiker wie CDU-Landtagsfraktionschef Peter Hauk und sein Pendant bei der FDP, Hans-Ulrich Rülke, ihre Teilnahme abgesagt haben, nimmt Heuss gelassen. "Wir bekommen den Saal trotzdem voll."

Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, hat seine Festrede bereits vor längerer Zeit abgesagt. Er will den Eindruck vermeiden, das höchste deutsche Gericht billige Aussagen wie die von Cohn-Bendit. Gesine Schwan, seit 1994 Mitglied im Kuratorium der Stiftung, hält den Preisträger trotzdem weiter "für den Richtigen".

© Mannheimer Morgen, Samstag, 20.04.2013
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