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Gesundheit Der 29-jährige Abgeordnete im hessischen Landtag, Bijan Kaffenberger, leidet am Tourette-Syndrom

„Die Erkrankung hat zum politischen Erfolg beigetragen“

Archivartikel

Probleme beim Sprechen, Zuckungen während politischer Reden, irritierende Gesten – der hessische Abgeordnete Bijan Kaffenberger hat Tourette. Seinen politischen Alltag meistert er mit Humor und Disziplin. Nebenher beantwortet er in Online-Videos mit Witz Fragen zu seiner Krankheit.

Nun ist der Moment gekommen, an dem man sich doch Sorgen um ihn machen muss. Ein Restaurant in Frankfurt mit Blick auf die neue Altstadt. Am Tisch sitzt ein Politiker, über den gerade sehr viel gesprochen wird. Als politischen Hoffnungsträger bezeichnen ihn manche, als jemanden, der das Wort Erneuerung glaubhaft verkörpern könnte, als einen, der eine große Zukunft vor sich habe. Nur gibt es da ein Problem: Bijan Kaffenberger, 29, ist in der SPD.

Aber jetzt hat er erst mal Hunger, die Politik kann warten. Er bestellt ein Schnitzel und verliert dann plötzlich die Kontrolle über seine linke Hand. Sie schießt ruckartig zur Wand, sein Zeigefinger kreist für Sekunden um eine Steckdose. Der wird da doch hoffentlich nicht hineinfassen? Nein, wird er nicht. So schnell wie er seine Hand in Richtung der Steckdose ausstreckt, so rasch zieht er sie zurück. Ein Tic, mehr nicht. Einer von vielen während dieses Mittagessens, das so einen kurzen Einblick gewährt, womit er seit mehr als 20 Jahren leben muss.

Bijan Kaffenberger, der junge Landtagsabgeordnete der hessischen SPD, hat das Tourette-Syndrom. Das zwingt ihn zu motorischen Muskelzuckungen, den Tics, nach dem französischen Wort für ein nervöses Zucken.

Mehr Tics bei Stress

Mediziner definieren die neuropsychiatrische Krankheit als Bewegungsstörung. Das Leiden setzt Kaffenberger ständig unter Strom: Alle paar Sekunden verliert er kurz die Kontrolle über seinen Körper, zuckt mit der Hand, wirft seinen Kopf zur Seite, kippt mit dem Oberkörper ruckartig nach vorn und stößt unwillkürliche Kiekser aus, während er spricht.

Kaffenberger fällt auf, ob er will oder nicht. Seine Krankheit lässt sich nicht verbergen oder abstellen, höchstens kurz unterdrücken. Aber dann ist die nächste Attacke umso heftiger. Er musste lernen, mit dem Tourette-Syndrom zu leben, akzeptieren, dass es unheilbar ist. Er konnte sich also nur zurückziehen oder offen damit umgehen – mehr Möglichkeiten hatte er nicht.

Kaffenberger hat die Öffentlichkeit gewählt, in ihrer vielleicht brutalsten Form: Er ist Berufspolitiker geworden, sitzt seit diesem Jahr im hessischen Landtag, muss Reden halten, mit Bürgern sprechen und steht permanent unter Beobachtung. Wie er das alles meistert? Mit Disziplin, Grips, Humor. Und einem gut geführten Terminplaner. Kaffenberger taktet seinen Tag durch, ist pünktlich, zuverlässig, verbindlich. Stress versucht er zu vermeiden, der kostet Kraft und raubt ihm die Konzentration. Unter Anspannung überrumpeln ihn die Tics häufiger und stärker.

Videos gegen Vorurteile

Das Essen kommt. Die Bedienung reicht ihm den Teller und ein Glas Bier, Kaffenberger bedankt sich. Das größte Vorurteil widerlegt er gleich selbst. Nur weil er Tourette habe, bedeute das nicht, dass er permanent fluchen oder andere beleidigen müsse, erklärt er. Schwere vokale Tics seien bei ihm nicht ausgeprägt, obszöne Wörter gehen ihm nicht über die Lippen, zumindest nicht unwillentlich.

Solche Schimpftiraden werden als Koprolalie bezeichnet und sind zweifelsohne das markanteste Symptom der Krankheit. Es tritt zwar nur bei einem Viertel der Betroffenen im Erwachsenenalter auf und gilt somit als selten, trotzdem hat es dazu beigetragen, dass die Krankheit hierzulande einen recht großen Bekanntheitsgrad hat.

Entspannung hilft

Dafür sorgte die Kifferkomödie „Lammbock“ von 2001, in der die Nebenfigur Frank, gespielt von Wotan Wilke Möhring, den folgenden Text aufsagen darf: „Ey, ihr Fotzen, Limbo, Scheiße.“ Kaffenberger kennt den Film natürlich. Er spricht die legendäre Szene laut nach, grinst. Mittlerweile ist er selbst ein wichtiger Botschafter der Krankheit. Für das Jugendportal „Funk“ von ARD und ZDF hat er mehrere Folgen seiner „Tourettikette“ produziert, ein ulkiges Format über Benimmregeln, Stil und Etikette, vorgetragen von jemandem, der sich scheinbar nicht benehmen kann. Zudem beantwortete er Fragen in der Reihe „Frag ein Klischee“. Mit solchen Formaten will er Verständnis für die Krankheit schaffen und Vorurteile abbauen, da Aufklärung offensichtlich nötig ist: Bijan, gehst du zum Friseur? Kannst du dich rasieren? Wie ist es beim Sex, hast du da Probleme? Oder: Wie isst du eigentlich, füttert dich jemand?

Entspannung, das ist seine Antwort auf solche Fragen, so klappe es mit dem Friseurtermin oder der Freundin. Mit der Rasur ohnehin. Auch Essen gelingt selbstständig und verletzungsfrei, allenfalls zerlegt er das Schnitzel etwas grob. Auch vom Bier wird nichts verschüttet, allerdings fuchtelt er zwischendurch im Teller seines Gegenübers herum, tunkt beinahe den Finger ins andere Bier, zieht die Hand wieder weg, ist ruck, zuck wieder da, diesmal unmittelbar vor dem Gesicht. Obwohl er nichts und niemanden berührt, irritiert Kaffenbergers Verhalten, es wirkt übergriffig. Die Tics überfallen also nicht nur ihn, sondern auch alle anderen.

Im hessischen Landtag hat er kürzlich seine erste Rede gehalten, eine zum Digitalpakt, seinem wichtigsten Thema. Die Tics waren währenddessen deutlich seltener als sonst. Die Rede kam an. Neben der Digitalisierung will er sich besonders um Verkehr und Bildung kümmern – und jede Schule in seinem Wahlkreis mit rund 70 000 Einwohnern zwischen Darmstadt und Odenwald besuchen. Er selbst stammt aus Roßdorf, einem Vorort von Darmstadt: 12 000 Einwohner, viel Fachwerk.

Hänseleien in der Schule

Bijan ist sechs Jahre alt, als er zum ersten Mal die Kontrolle über seine Hand verliert. Sie zuckt und zittert, er zieht sie unter den Tisch. Bald kommen neue Tics hinzu, die sich nicht verstecken lassen. Er zieht laut die Nase hoch, wirft den Kopf nach vorn. Die Tics werden nun häufiger und heftiger, Mitschüler äffen ihn nach. Lehrer ermahnen den Jungen, diese schlechten Angewohnheiten endlich sein zu lassen, zu Hause schimpft sogar die Oma: „Jetzt hör mal auf damit.“ Die Großeltern wundern sich, bleiben jedoch lange Zeit im Ungewissen, was der Enkel bloß hat. Bijan entwickelt sich normal, ist clever, schreibt gute Noten, aber die Anfälle werden schlimmer. Die Kinderärzte sind ratlos, als die Diagnose gefällt wird, ist Bijan elf: Tourette-Syndrom.

Mittlerweile ist klar: Er leidet auch unter ADHS, der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Er schweift ab, kann im Gespräch von der Kaninchenzucht zur Impfpflicht und Darmstadt 98 springen, ohne darin einen Themenbruch zu erkennen. Seine Gedankengänge erscheinen schnell und assoziativ, Kaffenberger ist schlagfertig und für einen Politiker ungewöhnlich geradeaus. Er ist ein Medienprofi und Menschenfischer, seine Karriere hatte er früh vor Augen. Noch in der Grundschule beschloss er, Politiker zu werden.

Entscheidung gegen Medikamente

Doch seine Krankheit macht sich zu jener Zeit immer stärker bemerkbar. Bald nach der Diagnose mit elf verordnen ihm die Ärzte Neuroleptika. Er schluckt Tiapridex, Ritalin, Captagon, doch dann fühlt er sich müde, gedämpft, wie ausgeknipst. Er wähnt sich irgendwo „zwischen Klapse und Altenheim“ und setzt mit 14 alle Medikamente ab. Seither nimmt Kaffenberger nichts mehr. Eine Entscheidung, die er nicht bereut. Er macht Abitur, studiert VWL, engagiert sich bei den Jusos und in der Kommunalpolitik. Im Januar 2016 tritt er seine erste Stelle an, wird Referent im Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitales.

Ohne Angst vor Peinlichkeiten

Eingeschränkt fühlt sich Kaffenberger kaum. Ans Steuer eines Autos darf er zwar nicht, aber als Bus- und Bahnkunde konnte er sich als Nahverkehrsexperte in der Partei einen Namen machen. Dafür nimmt der Politiker in Kauf, dass er manchmal eng sitzen muss, was er als unangenehm empfindet, wie auch Situationen, in denen seine Tics Kontakte herstellen, selbst wenn er keine Lust zu reden hat. Dass hin und wieder jemand glotzt, stört ihn nicht mehr. Seltsame Begegnungen sind selten.

Authentisch möchte Kaffenberger erscheinen, verstellen könne er sich ja nicht, betont er in Interviews. Und vielleicht verkörpert Bijan Kaffenberger einen neuen Typ Politiker, dem die Menschen jetzt vertrauen: unverstellt und ungeschliffen, nahbar und bodenständig, auch mal stotternd, stolpernd und grimassierend. Einer, der keine Angst vor Fehlern oder Peinlichkeiten hat und der mit dem ganzen Gewese und Gehabe nichts anfangen kann.

Wähler waren überzeugt

Oder gelingt es dem Tourette-Kranken nur besser als anderen Politikern, Authentizität vorzutäuschen? Bei der letzten Landtagswahl konnte er die Wähler jedenfalls überzeugen: Kaffenberger erreichte für die hessische SPD ein überragendes Ergebnis. „Natürlich hat die Erkrankung zum politischen Erfolg beigetragen“, sagt er im Gespräch.

Sie habe ihm geholfen, bekannt zu werden, aber in seinem Buch schreibt er auch: „Tourette ist kein kleiner, süßer Hund, den man im Wahlkampf öffentlichkeitswirksam Gassi führt, um damit auf Stimmenfang zu gehen.“ Vermutlich ist das am Ende sein größter Wunsch: auffallen durch gute Arbeit, weniger durch seltsame Tics.